Bewegung heilt

 

Ich bin 1970er Jahrgang und bewege mich, seit ich zurückdenken kann. Mit vier Jahren habe ich angefangen Ballett zu tanzen, zunächst eine, später mehrere Stunden pro Woche. Ich turnte am Trapez und den Ringen in unserem Flur zuhause und stellte mir vor, ich sei eine  Artistin im Zirkus. Mit dem Fahrrad fuhr ich wahlweise auf dem Sattel sitzend oder stehend den Berg herunter, später als Jugendliche  mit laufender Stoppuhr die 5 km bergauf aus der Kleinstadt zurück zu uns ins Dorf. Ich probierte mich im Surfen und fuhr Wasserski, Inliner waren zwei Sommer lang mein einziges Fortbewegungsmittel.  Und dennoch war ich in keinesfalls ein wildes Kind oder ein lauter Teenager: Ich war schon immer ein eher zurückhaltender und im Umgang mit anderen schnell zu verunsichernder Mensch, nie zufrieden mit mir und immer in Zwietracht mit meinem Körper.

Bewegung gibt mir Sicherheit und ein Zuhause in meinem eigenen Körper, schon immer. Es ist, als fänden wir beide nur zusammen, wenn ich tanzen, turnen und mich herausfordern darf. Dann ist mein Geist frei, und ich werde ein wenig gnädiger und friedlicher mit mir selbst.

 

Durch meine Ballettausbildung bin ich es gewohnt,  mich dem Tanz und den damit verbundenen Ansprüchen zu unterwerfen,  als Sportlerin habe ich Schmerzen immer akzeptiert. Ich habe mich nie geschont, immer 100% gegeben und von meinem Körper absolute Loyalität erwartet.

Ab dem Jahr 2013 hat sich mein Leben tiefgreifend verändert: Aufgrund von Fehlstellungen in den Hüftgelenken musste ich mich in 2014 und 2018 zwei Operationen unterziehen, die mit schweren Komplikationen verbunden waren. Plötzlich und für lange Zeit fehlte mir die Sicherheit eines funktionierenden Körpers. Starke Bewegungseinschränkungen und kontinuierliche Schmerzen zwangen mich, meine Tanzpraxis und das Pilatestraining aufzugeben. In dieser Zeit gab es Phasen, in denen die tägliche Herausforderung darin bestand, lediglich das eigene Körpergewicht einige Meter weit zu tragen.

 

Der Weg zurück zu meinem Körper begann schon früh mit dem Krafttraining. Die Arbeit mit den Geräten im Fitness Studio gab mir die Möglichkeit, die operationsbedingten Defizite zu umgehen und so die Belastung rasch zu steigern. Mit meinem Mann als Trainer (Liebe Dich Jan!) an meiner Seite, erweiterte sich mein Übungs- und Bewegungsrepertoire fortlaufend, was mir Vertrauen in meinen Körper zurück brachte und mich vor der drohenden Resignation bewahrte. Das freie Training mit Gewichten, führten dazu, dass ich interessanterweise und völlig überraschend wieder Pilates Übungen ausführen konnte, die ich viele Jahre gar nicht hatte trainieren können.

 

Meine Praxis beschert mir auch 2021, drei Jahre nach meiner letzten Operation weiterhin Fortschritte und ich gewinne immer noch jeden Tag an mehr Energie. Die Bewegungsradien werden größer, Belastbarkeit und Kraft nehmen weiterhin zu. Vor allem aber, führt mein tägliches Training  dazu, dass ich mit den verbliebenen Schmerzen und Einschränkungen gut umgehen kann.

Seit einem Jahr ist es mir wieder möglich, Pilates als festen Bestandteil in mein Training aufzunehmen.

Die Liebe zum Eisen ist geblieben.

 

Als Sportlerin habe ich einen Teil meines vorherigen Lebens verloren, als Lehrerin bin ich an diesen Herausforderungen gewachsen, und dafür bin ich heute sehr dankbar.

 

Annette